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Intimität, Identität und Ideologie

Hintergrund

Sexualität, Geschlecht und Körperlichkeit sind grundlegende Dimensionen menschlicher Identität und eng mit Fragen von Nähe, Zugehörigkeit, Scham, Macht und Selbstbestimmung verknüpft. Sie strukturieren Selbstbilder, Beziehungsdynamiken und soziale Ordnungen und sind damit auch für gesellschaftliche Konflikt- und Gewaltprozesse von zentraler Bedeutung. Auch in religiös begründeten Radikalisierungsprozessen spielen diese Dimensionen eine besonders wichtige Rolle: Unsicherheiten in Bezug auf Geschlechtsidentität, sexuelle Orientierung, Körperbilder oder intime Beziehungen sowie das Bedürfnis nach klaren Normen, Rollen und Hierarchien werden von extremistischen Akteuren auch und gerade in diesem Phänomenbereich gezielt aufgegriffen, normativ zugespitzt und ideologisch aufgeladen.

Sexualnormen dienen in diesen Kontexten nicht nur der moralischen Orientierung, sondern auch der Herstellung von Zugehörigkeit, der Abgrenzung von „Anderen“ als Fremd- und Feindgruppen sowie der Legitimation von Kontrolle, Ungleichwertigkeit und Gewalt. Geschlechterbezogene Abwertung, sexualmoralische Zuschreibungen, rigide Rollenbilder oder die Kontrolle von Intimität fungieren dabei häufig als Brücken zwischen individueller Verunsicherung, ideologischer Radikalisierung und der Legitimation von Gewalt. Sexualität und Geschlecht sind somit nicht lediglich mit tangierte Phänomene oder Randaspekte – sie müssen vielmehr als zentrale Struktur- und Steuerungselemente von Radikalisierungs- und Gewaltprozessen verstanden werden.

In der Angehörigen-, Distanzierungs- und Ausstiegsarbeit wie auch in der Präventionsarbeit zu religiös begründeter Radikalisierung werden diese Themen regelmäßig relevant, jedoch meist indirekt – etwa in Form von Scham, Tabuisierung, rigiden Geschlechtervorstellungen, sexualmoralischen Abwertungen, konflikthaften Beziehungs- und Familiendynamiken oder der Normalisierung von Gewaltfantasien. Trotz ihrer hohen Relevanz bleiben Fragen von Sexualität, Geschlecht und Körperlichkeit in der Beratungspraxis jedoch bislang häufig unbeachtet oder werden nur beiläufig thematisiert. Fachkräfte berichten von erheblichen Unsicherheiten, fehlenden fachlichen Konzepten und mangelnder Handlungssicherheit im Umgang mit diesen sensiblen und zugleich hochrelevanten Themenfeldern.

Sexualität stellt damit bislang einen zu wenig systematisch bearbeiteten Bereich innerhalb der Prävention religiös begründeter Radikalisierung dar. Während sexualitäts- und geschlechterbezogene Dynamiken in der Radikalisierungsprävention damit häufig nicht als eigenständige analytische Kategorien berücksichtigt werden, finden sich in sexualpädagogischen und sexualwissenschaftlichen Diskursen bislang kaum systematische Bezüge zu Radikalisierungs- und Gewaltprozessen. Ein strukturierter Brückenschlag zwischen sexualpädagogischer Professionalität, sexologischer Expertise und radikalisierungspräventiver Beratungspraxis fehlt damit bislang weitgehend.

Der Bedarf nach einer vertieften, praxisnahen und systematischen Auseinandersetzung wurde im Rahmen fachlicher Austauschformate, etwa bei der Vorstellung der Projektidee am Runden Tisch der Beratungsstelle Radikalisierung im BAMF oder im Rahmen der ersten thematischen Fachtagung zu „Sexualität und Geschlechterrollen im Kontext von Radikalisierungsprozessen“, die im Februar 2025 von der Halleschen Jugendwerkstatt gGmbH in Halle durchgeführt wurde, eindrücklich bestätigt. In den Workshops und Diskussionsformaten der Fachtagung berichteten bundesweit tätige Fachkräfte übereinstimmend von einer hohen praktischen Relevanz sexualitäts- und genderbezogener Themen in der Radikalisierungsprävention bei gleichzeitig fehlenden fachlichen Konzepten, Methoden und Fortbildungsangeboten. Die Fachtagung machte deutlich, dass gerade Sexualität in der Beratungspraxis häufig als sensibler, aber konzeptionell unzureichend bearbeiteter Bereich wahrgenommen wird und damit ein erheblicher Professionalisierungsbedarf besteht.

Vor diesem Hintergrund zielt das Projekt darauf ab, Fachkräfte der Radikalisierungsprävention – insbesondere Berater*innen der Angehörigen-, Distanzierungs- und Ausstiegsarbeit – nachhaltig zu professionalisieren und dazu beizutragen, Sexualität, Geschlecht und Körperlichkeit als relevante Dimensionen von Radikalisierungs- und Gewaltprozessen systematisch in der Präventions- und Beratungsarbeit zu verankern. Das Projekt verbindet sexualpädagogische, sexologische, sozialpädagogische, systemische und radikalisierungspräventive Perspektiven und überführt diese in praxisorientierte Qualifizierungsformate für Fachkräfte.

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